Filmsimulationen, JPEG-Rezepte und SOOC

Als ich vor 20 Jahren von der analogen zur digitalen Fotografie wechselte, war das eine immense Umstellung. Ich hatte zuvor meist auf Diafilm gearbeitet. Das, was man fotografiert, erhält man als Ergebnis. Es gibt keinen Umkopiervorgang, bei dem man noch etwas retten könnte. Ausgebrannte Lichter sind durch nichts wiederherzustellen. Diafilm ist dabei sogar noch unverzeihlicher als Negativfilm, der manchmal bis zu 3 EV Überbelichtung klaglos akzeptiert.

Und dann war da plötzlich die Digitalfotografie. Expose to the right (ETTR) und alles andere erledigst Du durch Nachbearbeitung. Dieses (viel zu) simple Rezept hatte ich schnell verinnerlicht. Irgendwann habe ich mehr Zeit mit der Verarbeitung meiner RAW-Fotos in der digitalen Dunkelkammer verbracht, als draußen vor Ort tatsächlich zu fotografieren. 1.000 Urlaubsfotos waren oft erst nach Wochen oder Monaten bereit, um hergezeigt werden zu können. Ein Tourenbucheintrag zur letzten Bergtour konnte erst vorgenommen werden, wenn alle Bilder bearbeitet waren. In der nun folgenden Phase hätte ich fast die Lust an der Fotografie verloren. Wer weniger vor dem PC sitzen will, der muss auch weniger fotografieren. Wer weniger fotografiert, der verlernt es irgendwann.

Nach vielen erfolglosen Versuchen mit JPEGs aus digitalen Kompaktkameras glücklich zu werden, habe ich mir dann im Sommer 2018 erstmals eine Fujifilm X-T20 zugelegt. Sofort habe ich mich in die Qualität und Farben der Fujifilm-Filmsimulationen verliebt. Der Schritt zu JPEG-Rezepten war da nur noch ein kleiner. Heute besteht der weitaus größte Anteil meiner fotografischen Arbeit aus JPEGs direkt aus der Kamera (straight out of camera = SOOC). Ich fotografiere mehr, habe mehr Spaß und verbringe weniger Zeit vor dem Computer, außer natürlich wenn ich eine Sonderausgabe über JPEG-Rezepte in den zinglogs verfasse ...

I.   Warum JPEG und SOOC?

JPEG sagt nichts darüber aus, dass die Qualität der Bilder schlechter wäre. Im Gegenteil, viele JPEGs sooc sind oft besser als das, was andere in mühevoller Arbeit aus ihren RAWs herausentwickeln.  JPEGs lassen sich heutzutage wunderbar ausdrucken, sei es als Fotobuch oder großformatig auf Forex-Hartschaumplatten. Man sieht diesen Bildern nicht mehr an, dass sie einmal JPEGs waren.

JPEGs verfügen über viele Vorteile. Sie nehmen weniger Platz auf der Festplatte ein. JPEGs können sofort mit der Community geteilt werden. JPEGs können in begrenztem Umfang immer noch nachbearbeitet werden. Der Trapezkorrektur ist es sogar herzlich egal, ob man ein RAW-Bild oder ein JPEG verbiegt. JPEGs sind sofort nach der Aufnahme verfügbar und präsentierbar. Das waren die offensichtlichen Argumente.


Meine persönliche Motivation nahezu ausschließlich JPEGs zu fotografieren ist jedoch noch eine ganz andere. Das JPEG-Format ist für mich der kürzestmögliche Weg von der Bildidee zum fertigen Bild. Mit den modernen DSLM-Kameras ist nicht einmal mehr Prävisualisierung erforderlich. Auf dem LCD wird bereits das fertige Bild in seiner ganzen Pracht angezeigt, noch bevor der Auslöser überhaupt gedrückt worden ist. Von der Idee zum Bild vergehen oft nur wenige Sekunden.

Die so gewonnene Effizienz steht der Freude am Hobby jedoch in keiner Weise entgegen. Es ist vielmehr so, dass ich nun viel länger an der frischen Luft sein kann, weil ich ja am Abend nicht mehr so lange vor dem Computer sitzen muss. Dadurch entstehen noch mehr Bilder und ich kann noch mehr ausprobieren und lernen. JPEGs haben mich zu einem besseren Fotografen gemacht.

Und dann gibt es noch da die Bilder, die ohne JPEG-Rezept gar nicht entstanden wären, weil ich sie mir auch in kühnster Prävisualisierung nicht hätte vorstellen können, geschweige denn später aus einer RAW-Aufnahme herausarbeiten hätte können...

II. Bildstile und Filmsimulationen

Die anderen Hersteller und die Bildstile


Wenn andere Hersteller als Fujifilm über die Beeinflussung des Aussehens von JPEGs sprechen, dann ist oft die Rede von Bildstil (Canon, Sony) oder Picture Control (Nikon). Zur Auswahl stehen meist Optionen wie Standard, Portrait, Neutral, Landschaft, Monochrom und weitere. In sehr engen Grenzen lassen sich solche "Bildstile" vom JPEG-Fotografen durch individuelle Parametrierung anpassen, indem z.B. Schärfung, Kontrast, Farbton usw. justiert werden können. Man kommt jedoch nicht umhin festzustellen, dass diese "Bildstile" eines Herstellers letztendlich alle sehr ähnlich aussehen. Ich bin sogar geneigt zu sagen, dass man JPEGs sogar ansieht, ob sie von einer Canon oder Nikon stammen.

Mir erschien es immer so, dass die straight out of camera JPEGs der anderen Hersteller noch nicht fertig waren. Damit bin ich in den Teufelskreis der JPEG-Nachbearbeitung abgestürzt. Die Bilder einer Serie wurden so untereinander inkonsistent in ihrem Erscheinungsbild. Und irgendwann verliert man dann die Lust...


Zudem sei noch ein Wort zum Begriff Bildstil im Besonderen bzw. Stil im Allgemeinen gesagt. Sowohl die Kamerahersteller als auch die Anbieter von Bildbe-arbeitungssoftware (Adobe, Capture One) verwenden diese Begriffe im Kontext visueller Effekte. Stil wird mit dem Aussehen von Fotografien gleichgesetzt. Gerade Anfängern sei jedoch gesagt, dass die Auswahl eines solchen Bildstils überhaupt nichts mit der Entwicklung eines eigenen persönlichen, fotografischen Stils zu tun hat!

Fujifilm und die Filmsimulationen


Fujifilm geht mit den Filmsimulationen einen anderen Weg. Mit den Filmsimulationen werden die Gradationskurven verschiedener, tatsächlicher Filme nachgebildet. Folglich tragen solche Filmsimulationen dann auch die Namen von den zugrundeliegenden Emulsionen: PROVIA, VELVIA, ASTIA, ETERNA, REALA, ACROS usw. Wo auch immer das aus bestimmten Gründen nicht möglich ist, werden einprägsame Alternativen verwendet. So wurde der für Fujifilm nicht verwendbare Name KODACHROME durch CLASSIC CHROME ersetzt.

Wesentlicher Unterschied zwischen den Bildstilen der anderen Hersteller und Fujifilm-Filmsimulationen ist die höchst individuelle Farbwiedergabe der Filmsimulationen. Fotografen wählen ihre Filmsimulationen nicht länger anhand der gestellten Aufgabe, z.B. Landschaft oder Nacht, aus, sondern wählen den passenden "Film" aus.

Mit den Filmsimulationen ist man aber noch nicht am Endpunkt angelangt. Mit zahlreichen Parametrierungsoptionen lassen sich diese Filmsimulationen in andere Filmsimulationen umwandeln. Filmsimulationen stellen somit eine Art Grundrezept dar, das durch entsprechende Anpassungen zu anderen JPEG-Rezepten verfeinert werden kann. Die "Küchenanalogie" ist sehr zutreffend. Das Grundrezept für Schweinebraten ist überall gleich, aber die kleinen Tweaks entscheiden darüber, ob man einen bayerischen oder andalusischen Schweinebraten auf den Teller bekommt.



Der Einfluss des Sensors auf die Filmsimulation


An einer Stelle hinkt der Vergleich mit der "Küchenanalogie" jedoch ein wenig. Die Grundrezepte bzw. Filmsimulationen unterscheiden sich in Abhängigkeit von der verwendeten Fujifilm Sensorgeneration. Die PROVIA-Simulation eines X-Trans 1 Sensors unterscheidet sich von der eines X-Trans 3 Sensors. Wenngleich der Unterschied sehr subtil ist, so sind doch unterschiedliche Parametrierungen erforderlich, um ein bestimmtes, nahezu identisches JPEG-Rezept zu realisieren. Denkt man genauer darüber nach, dann greift die "Küchenanalogie" doch wieder. Man kann den andalusischen Schweinebraten sowohl mit einem bayerischen Hausschwein als auch mit einem Jabugo-Schwein hinbekommen. Es schmeckt ohnehin alles einfach nur nach Knoblauch ...


Im Folgenden wird die Abhängigkeit verschiedener Filmsimulationen von der jeweiligen Fujifilm-Sensorgeneration besprochen und dargestellt. Sämtliche Einstellungen wie Weißabgleich (Tageslicht), Kontrast (0) oder Farbsättigung (0) usw. sind dabei jeweils identisch.



PROVIA/STD


Die dem Fujichrome Provia nachempfundene Filmsimulation besticht durch dichte und sehr ausgewogene Farben. Mit zunehmender Sensorgeneration (X-Trans 1, 2, 3) nimmt jedoch bei gleicher Beleuchtung die Farbtemperatur zu. Will man die Sensorgenerationen aneinander angleichen, so könnte dies durch eine entsprechende Weißabgleichkorrektur erreicht werden. Oder man nimmt es einfach, wie es kommt. Mir gefällt persönlich das Blau des Himmels auf dem X-Trans 1 Sensor sehr gut. Würde es um den Bewuchs, also das Grün, gehen, dann gefällt mir die Wiedergabe des X-Trans 2 Sensors besser. Beim X-Trans 3 Sensor wende ich regelmäßig eine WA-Korrektur B+1 an, damit die PROVIA-Simulation natürlichere Farben abliefert.

Wesentliche Erkenntnis ist, das eine PROVIA-Simulation von Sensor zu Sensor bei der Farbwiedergabe durchaus variieren kann. Das bedeutet in im Sprech der "Küchenanalogie", dass jedes PROVIA-Grundrezept anders abgeändert werden muss, um gleiche JPEG-Rezeptergebnisse zu erhalten.



VELVIA


Hauptmerkmale dieser Filmsimulation sind hoher Kontrast und sehr satte, leuchtende Farben. Wie schon beim PROVIA bleibt auch hier die Tendenz erhalten, dass mit höherer Sensorgeneration die Farbwiedergabe wärmer wird. Mein persönlicher Favorit ist dieses Mal die Filmsimulation des X-Trans 1 Sensors, weil das genau der Farbwiedergabe des echten Fujichrome Velvia 100F entspricht. Mit diesen satten Grüntönen kann man auch schon mal in der Urwald abtauchen...


ASTIA


Der Fujifilm Astia war meines Wissens ein Farbumkehrfilm mit sehr feinem Korn und geringen Kontrast. Zielgruppe waren vermutlich Portraitfotografen, die eine gute Hautonwiedergabe bevorzugen. Ich selbst bin mit dem Original nie in Berührung gekommen. Mit der ASTIA-Simulation kann ich nicht viel anfangen. Zunehmende Sensorgenerationen haben den Einfluss auf die Farbwiedergabe, dass rote bis grüne Farbtöne jeweils wärmer dargestellt werden. Blautöne werden hingegen mit zunehmender Sensorgeneration kühler und etwas dunkler dargestellt. Müsste ich mich entscheiden, dann würde ich dieses Mal das ASTIA-Grundrezept des X-Trans 3 Sensors wählen. Damit würde ich versuchen Landschaften zu fotografieren. Portraits, Menschen, Gesichter? Oh je!


NEGATIVE HIGH


Flacher Kontrast bei leuchtenden, dichten Farben sind Merkmale dieser Filmsimulation. Wieder werden die Farben wärmer, wenn die Sensorgeneration zunimmt. Der Kontrast beim X-Trans 1 Sensor ist bereits sehr hoch und die Farben leuchten nicht so sehr. Die fortgeschritteneren Sensoren bekommen das besser hin. Der NEGATIV HIGH ist Grundlage meines selbstentworfenen JPEG-Rezeptes "Fuji Pro 400H". NEGATIVE HIGH oder kürzer NH ist am ehesten mit dem vereinbar, was ich Fujifilm-Farben nennen würde.


NEGATIVE STANDARD


Kontrastleistung bzw. Dynamikumfang dieser Filmsimulation sind mit dem NEGATIVE HIGH vergleichbar. Allerdings ist beim NS die Farbsättigung deutlich re-duziert. Dieses JPEG-Grundrezept ist immer dann eine gute Wahl, wenn man sich später doch noch allerhand Postprocessing-Option auch am JPEG offenhalten möchte. Ich empfehle auch due bewusste Unterbelichtung um -2/3 EV, da man sonst beim späteren Drehen am Farbregler einzelne Farbkanäle schnell einmal ausbrennen kann. Wenn CLASSIC CHROME auf der Fuji-Kamera fehlt, dann ist NS der richtige Ausgangspunkt für Kodak-artige JPEG-Rezepte.


CLASSIC CHROME


CLASSIC CHROME ist die Fujifilm-Filmsimulation, die m.E. am wenigsten mit Fujifilm zu tun hat. Dieses Grundrezept verfügt ganz offensichtlich über Kodachrome-Gene. Fujifilm sagt darüber, dass diese Filmsimulation den Look von Farbmagazinen der 50er und 60er Jahre widerspiegeln soll. Etwas anderes als Kodachrome hatten die Fotografen damals nicht, wenn es um das Thema Farbfilm geht.

In X-Trans 1 Kameras gibt es diese Simulation leider nicht. In der zweiten Generation X-Trans gibt es ihn dann, aber die Farben werden eher kühl dargestellt. Erst auf dem X-Trans 3 Sensor sind die Kodachrome-Gene unverkennbar. Eigentlich kann man bereits mit dieser unveränderten Filmsimulation ganz wunderbare Fotos schießen. Das habe ich über zwei Jahre mit meiner X-T20 gemacht, bis ich endlich auf die JPEG-Rezepte gekommen bin.


Filmsimulationen als Grundrezept


Man könnte an dieser Stelle noch auf weitere Filmsimulationen wie ETERNA, ETERNA BLEACH BYPASS, NEGATIVE CLASSIC oder REALA eingehen. Diese sind jedoch erst mit der 4. oder 5. X-Trans-Sensorgeneration eingeführt worden. Manche davon gibt es nur auf einer meiner Kameras, so dass sich ein Vergleich zwischen den Sensorgenerationen erübrigt.


Zusammenfassung: Filmsimulationen stellen Ausgangsbasis für weitere JPEG-Rezepte dar. Diese Ausgangsbasis variiert jedoch in der Farbwiedergabe ver-schiedener Sensorgenerationen. Um das gleiche JPEG mit verschiedenen Sensoren erzielen zu können, müssen unterschiedliche Anpassungen an der gleichen Filmsimulation vorgenommen werden.


Zuletzt noch eine Entwarnung. Auf X-Trans-Kameras der 4. und 5. Generation verwende ich ohne weitere Anpassung X-Trans 3 JPEG-Rezepte. Nur wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man marginale Unterschiede. Bei den höheren Sensorgenerationen scheinen die Unterschiede bei den ansonsten gleichen Film-simulationen kaum noch ein Einfluss auf die Farbwiedergabe zu nehmen. Vielleicht ist das auch nur ein Problem der frühen Fujifilm-Kameramodelle.

Und dann ist da noch die Sache mit der Exemplarstreuung. Die X-T20 und die X-E3, beide verfügen über einen X-Trans 3 Sensor, liefern mit der ACROS+R Film-simulation z.T. sehr unterschiedliche Ergebnisse ab.

III. Der Weg von der Filmsimulation zum JPEG-Rezept

Parameter zur Modifikation von Filmsimulationen - Parameter in Abhängigkeit von der Sensor-Generation - Übersichtstabelle

Die RGB-Gradationskurven des Grundrezeptes


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Die Beeinflussung von RGB-Gradationskurven durch den Weißabgleich


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Mehr Tonwertumfang durch Dynamic Range


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Schattenkontrast...


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...und der Kontrast der Spitzlichter


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IV. Quellen von JPEG-Rezepten für Fujifilm Kameras

fuijxweekly, ross and his jpegs, Piotr Skrzypek, Justin Gould, life unintended

V. Die eigene JPEG-Rezeptauswahl

taktische Überlegungen zur Auswahl von JPEG-Rezepten - Übersichtstabellen für X-Trans 1, X-Trans 3/4, X-Trans 5 - Wie merkt man sich die WB-Korrektur?

VI. Wie funktionieren JPEG-Rezepte mit Kameras anderer Hersteller als Fujifilm?

Canon und Sony als Totalausfall - Nikon PC - Olympus - Panasonic LUT

VII. Wie geht es weiter?

JPEG-Rezepte sind kein Selbstzweck - JPEG-Rezepte und Filmsimulationen vermessen - analoger Film als Vorbild? - einfach mehr Fotografie